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Die Lewitz

Unterwegs im Herzen Mecklenburgs

Slawische Siedler gaben ihr den Namen lowit, was soviel wie sumpfig, wildreich oder jagen bedeuten kann. Sie ist eine alte Kulturlandschaft, die im Städtedreieck zwischen Schwerin, Parchim und Neustadt-Glewe liegt.

Um 1900, im damaligen deutschen Kaiserreich, gehörte die etwa 225 km² große Niederungslandschaft zu den bedeutendsten Brutgebieten, für auf Sumpf- und Feuchtwiesen brütende Vogelarten. Naturbegeisterte Vogelkundler und Heimatforscher wanderten durch die sumpfige Wiesenlandschaft, um balzende Kampfhähne, meckernde Bekassinen und trillernde Brachvögel zu beobachten. Botaniker waren hellauf davon begeistert, Feuchtwiesen voller blühender Orchideen und Sibirischer Schwertlilien zu sehen. In der herzoglichen Wald- und Wildkammer, der Waldlewitz, brüteten See- und sogar Steinadler und hatten Schwarze Störche ausgezeichnete Brutmöglichkeiten.

Abendstimmung im NSG Fischteiche in der Lewitz Foto Ralf Ottmann © Ralf Ottmann
Abendstimmung im NSG Fischteiche in der Lewitz Foto Ralf Ottmann


Naturparadies im Wandel

Nach Gründung der DDR hatte hier die Landwirtschaft Vorrang. Hecken, Knicks, Feldgehölze und blumenreiche Moorwiesen verschwanden. Was gut gemeint war endete für die meisten hier vorkommenden Sumpf- und Watvögel und für die Flora der Lewitz in eine Katastrophe. Die Bestände schrumpften und wurden erbahmungslos ausgerottet. Dafür weideten nun über 30.000 Rinder in der Niederung, die tiefe Wunden in der Landschaft hinterließen.

Nach der politischen Wende verschwanden die riesigen Rinderherden. Die Natur atmete kurz auf und erholte sich ein wenig von den Missetaten. Doch die Landwirtschaft setzte der Natur weiter zu. Saatgraslandsteppen und weitere, trostlose Ackerflächen entstanden. Große Pferdeherden sowie Mais- und Rapsmonokulturen waren nun überall Realität.

Statt tausender Rinder und Milchkühe grasen heute Pferdeherden und wenige Mutterkuhherden auf den Wiesenpoldern. Darunter ist die extensive Weidehaltung mit Mutterkuhherden, für die Tiere und für die Natur, die artgerechteste Haltungsform.

Durch das Moorschutzprogramm des Landes Mecklenburg-Vorpommern wurden in den 1990iger Jahren einige Moorwiesen gerettet. Hier blühen wieder das Wiesenschaumkraut, die Kuckucks Lichtnelke und Hahnenfußgewächse. Massentourismus und Windparks findet man hier vergebens. Dafür können sich Naturfreunde auf eine weite, fast menschenleere Landschaft freuen, in der Stress und Hektik keine Rolle spielen.

Seit 1992 sind 16.400 ha Lewitzlandschaft als ein Europäisches Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Im Schutzgebiet liegen drei Naturschutzgebiete, ein Flächennaturdenkmal sowie zwei FFH-Gebiete. Naturforscher haben bis heute 256 Vogelarten, 450 Schmetterlingsarten, mind. 30 Libellenarten und über 100 Pilzarten dokumentieren können. Engagierte Schutz-, Pflege- und Wiederansiedlungsprojekte führten zum Bestandserhalt der Gemeinen Kuhschelle, der Sibirischen Schwertlilie, des Europäischen Strandlings und der Kuckucks Lichtnelke.

Rothirsch in der Waldlewitz Foto Ralf Ottmann © Ralf Ottmann
Rothirsch in der Waldlewitz Foto Ralf Ottmann

Wiesenpolder, Wasserflächen und Waldareale

Zweifelsohne ist es eine Tatsache, dass viele Menschen den Namen Lewitz weder gehört, noch das Gebiet jemals für sich entdeckt haben. Das ist etwas verwunderlich, da die großen Metropolen wie Hamburg und Berlin nur einen Katzensprung entfernt liegen. Die Menschen aber, die das unentdeckte Land kennen- und liebenlernten, kommen gerne wieder hierher zurück. Denn das durchweg platte und unbebaute Land ist für Radfahrer, Wanderer und Vogelliebhaber mehr als ein weißer Fleck auf der Landkarte.

Die Wiesenlewitz entstand durch großflächige Waldrodungen. Das Holz diente zur Verhüttung von Raseneisenstein oder fand eine Verwendung als Baumaterial. Inmitten der Wiesenpolder verlaufen über 900 km offenen Wasserläufen durchzogen, von einem netzartigen Wasserlabyrinth, aus Kanälen, Vorflutern und Gräben. Darunter stellen die Alte Elde, die Müritz-Elde-Wasserstraße und die Stör-Wasserstraße herausragende Wasseradern dar. Auch deshalb kann man Eisvögel häufig im Gebiet beobachten.

Die Lewitz glänzt nicht mit großen Besucherzahlen, Großprojekten der Tourismuswirtschaft oder gar riesigen Hotelkomplexen. Doch gerade das macht den besonderen Charme der Lewitzlandschaft aus.

Ein weiterer, prägender Landschaftsbestandteil sind die Fischteiche der Lewitz. Das von Menschenhand geschaffene Eldorado, setzt sich aus 32 Fischteichen zusammen. Sie bilden wohl die größte, zusammenhängende Teichlandschaft in Deutschland. Bis heute wird hier der Spiegelkarpfen gezüchtet. Wer dieses blaue, 832 ha große Mosaik erstmals leibhaftig gesehen hat denkt wohlmöglich, eine faszinierende Seenlandschaft zu erblicken. So ist sie halt, die Lewitz, überraschend schön und einzigartig.

Das international bedeutsame Feuchtgebiet, mit den angrenzenden Feuchtwiesen, bilden das 1.732 ha große Naturschutzgebiet Fischteiche in der Lewitz. In den Fischteichen liegen Massenlaichplätze des Moorfrosches, der Rotbauchunke sowie der Erdkröte. Ebenso häufig kommen der Kamm- und Teichmolch, die Zauneidechse sowie die Ringelnatter vor.

In den Weichgehölzsäumen der Fischteiche brütet die schöne Beutelmeise, ein Vogel, der durchaus als Baumeister bezeichnet werden kann. Über den Fischteichen kreisen zahlreiche Fisch- und Seeadler, die von der Karpfenzucht direkt profitieren. Neben dem Müritz Nationalpark ist die Lewitz höchst wahrscheinlich das wichtigste Brutgebiet des Fischadlers in Mecklenburg-Vorpommern. Der graziös wirkende Greife brütet hier ausschließlich auf Strommasten. Wer hätte das noch vor 50 Jahren für möglich gehalten. Fischotter, Biber und Nutrias sind in der Lewitz ebenso keine seltenen Geschöpfe, denn Wasser und Nahrung ist hier in Hülle und Fülle vorhanden.

Neben dem Wasserreichtum prägt auch die etwa 4.000 ha große Waldlewitz das Gebiet. An den naturnahen Waldwegen stocken knorrige, alte Stiel-Eichen, die wie Relikte aus einer anderen Zeit wirken. Abgestobene Baumriesen bilden ökologisch wertvolle Todholzbestände, die Heimstätte für Eremit, Nashornkäfer, Balkenschröter und Baumpilzarten sind. In den naturnahen Laub- und Mischwäldern existieren fast sämtliche, in Deutschland vorkommende Spechtarten. Kraniche, Waldschnepfen, Waldohreulen und Waldkäuze brüten in den ausgedehnten Erlenbrüchen. Auch der König der Wälder, der Rothirsch, kann hier ungestört umherstreifen und seine markanten Brunftlaute erklingen lassen. Diese Symbiose aus Abgeschiedenheit, Ruhe und Mannigfaltigkeit macht jeden Streifzug zu einem unvergesslichen Naturerlebnis.

Stieleichenreihe am Störkanal Foto Ralf Ottmann © Ralf Ottmann
Stieleichenreihe am Störkanal Foto Ralf Ottmann

Eldorado für gefiederte Freunde

Vom Herbst bis in das Frühjahr hinein ist die Lewitz das Land der Nordischen Gänse. Über 30.000 Saat- und Blässgänse sowie andere Arten von Wildgänsen ziehen dann in das Vogelschutzgebiet, um hier zu rasten oder den Winter zu verbringen. Von Anfang September bis Ende Oktober, in der Zeit des Abfischens, wird das Wasser aus den Fischteichen abgelassen. Dadurch entstehen temporäre Binnenwattareale und seichte Flachwasserbereiche. Für durchziehende Sumpf- und Watvogelarten stehen dann wichtige Nahrungsflächen zur Verfügung. In dieser aufregenden Zeit, ziehen auch gaukelnde Kiebitzschwärme über die Teichflächen hinweg und lassen das Herz jedes Naturfreundes und jeder Naturfreundin höher schlagen.

Die Herbstzeit glänzt mit einem Überfluss an schuppiger und sonstiger Nahrung. Davon profitieren hunderte Silberreiher und Graureiher, Eisvögel, Möwen, Enten, Rallen und natürlich der König der Lüfte, der Seeadler. Bis in den November hinein dauert der herbstliche Vogelzug, begleitet von satten Farbspielen und tiefroten Sonnenuntergängen.

Im Spätherbst kann man oftmals geheimnisvolle Ruflaute hören, die aus den Fischteichen ertönen. Keine Geister oder Elfen erzeugen diese melodischen Klänge. Sie stammen von Sing- und Zwergschwänen, die aus dem hohen Norden in die Lewitz gezogen sind. Hier füllen sie ihre Fettreserven wieder auf und überwintern im EU-Vogelschutzgebiet.

Und wenn Sie sich jetzt vielleicht Fragen sollten, von welchem Standort aus man die Vogelwelt am Besten beobachten oder fotografieren kann? Natürlich vom Aussichts- und Rastpunkt Dütschower Brücke. Der hier stehende Aussichtsturm ermöglicht einen 360º Blick und das fast über die gesamte Teichlandschaft.

Rastende Nordische Gänse im Herbst Foto Ralf Ottmann © Ralf Ottmann
Rastende Nordische Gänse im Herbst Foto Ralf Ottmann

Und so kommen Sie hin

Sie erreichen die Lewitz mit der Bahn von den nahe gelegenen Bahnhöfen der Städte Ludwigslust, Schwerin und Neustadt-Glewe (www.bahn.de). Für Ihre Reiseplanung mit weiteren öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Seite der Verkehrsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern zu empfehlen (www.vmv-mbh.de). Per Fahrrad erreichen Sie die Naturperle, in dem Sie den Elbe-Ostsee-Radfernweg oder den Mecklenburgischen Seen-Radweg nutzen. Auf dem Schiff fahren Sie über die Elbe bis nach Dömitz und dann in die Müritz-Elde-Wasserstraße, in Richtung Neustadt-Glewe. Mit dem Auto gelangen Sie in die Lewitz über die A 24, A 20 und A 14 sowie über die B 5 und B 191.

© Bilder und Text: Ralf Ottmann